Manifest Captain Maik : Sexuelle und pornografische Kunst

Zürich 2020

 

Sexualität und Pornografie im künstlerische und gesellschaftlichen Kontext.

 

Der Graben der sich bei der Betrachtung von sexuellen Bildern und Inhalten zwischen Kunst und Gesellschaft auftut momentan ist beträchtlich. Es ist erstaunlich, dass in der schweizerischen vermeintlich liberalen Gesellschaft visuelle sexuelle Inhalte und Darstellungen bei vielen Menschen und Galeristen umgehend einen anerzogenen Fluchtreflex auslösen. Ich erkenne folgende Kategorien in der öffentlichen Wahrnehmung:

 

Männliche Brustwarzen: nicht sexuell, akzeptiert

Weibliche Brust mit verdeckten Brustwarzen: kritisch

weibliche nackte Brust oder Brüste. kritisch

Vagina: Absolut Tabu

Penis: Absolut Tabu

Anus: Absolut Tabu

Akt: akzeptiert

Sexueller Akt: tabu

 

Diese verschämte Sichtweise auf die Darstellung des menschlichen Körpers und Sexualität ist überholt und nicht mehr Zeitgemäss. Ich versuche mit meinen Werken diese konservative Sichtweise aufzubrechen und den Blick für die spannende, lustvolle, ästethische und energetischen Seiten dieses Themenfeldes zu öffnen. Es werden Grenzen überschritten und Horizonte eröffnet, wie es die Pflicht von Kunst deren Pflicht es ist, die über das dekorative hinaus zu gehen. Es gilt die Befreiung von Fantasie und künstlerische Freiheit beim Betrachter und bei mir sukzessive voran zu treiben. 

 

 

Betrachtungsweisen von Nacktheit und Körperteilen

 

Es gibt fünf Arten den nackten Körper und seine Geschlechtsteile wahrzunehmen:

 

1. verschämt, katholisch, kindlich, angeekelt

2. medizinisch objektiv

3. sinnlich, verspielt, lustvoll

4. naturalistisch ohne Erotik (FKK)

5. kindlich lustvoll forschend (zeig mal)

 

Betrachter/innen werden durch Captain Maiks Werke dazu aufgefordert, seine Betrachtungsweise nicht zu ändern, aber unbedingt zu definieren. Sie erfahren in dieser Reflexion viel über sich selbst, ihre Reaktion zeigt ihnen auf wo sie stehen und macht einen allfälligen Standortwechsel mit daraus folgender Änderung der inneren Perspektive erst möglich. Im Idealfall wird sogar die Fähigkeit ausgebildet, zwischen den fünf verschiedenen Betrachtungsweisen zu switchen. 

 

In der Betrachtungsweise von weiblichen Geschlechtsteilen zeichnet sich abgesehen vom Verdrängungsreflex ein besorgniserregender Trend ab. Es beginnt sich mehr und mehr ein Idealbild von Vagina und Anus bei vielen Frauen einzunisten. Die Folge ist nicht nur das Diktat von Scham-und Achselhaarentfernung, sondern auch, dass sich Frauen innere Schamlippen welche ihnen zu gross erscheinen operativ verkleinern lassen. Beim Anus wird zum erreichen eines Idealbildes dieser per Bleaching aufgehellt. Solchen Trends zur Zementierung sinnloser Gleichschaltung ist mit der sexuellen Kunst entschlossen entgegen zu treten indem Künstler die natürliche Vielfalt und Verschiedenartigkeit der Menschen insgesamt und ihrer Geschlechtsteile im besonderen aufzeigen und würdigen.

 

 

Kunst: Reflexionsfläche oder Dekoration

 

Der überwiegende Teil der Kunst die auf der Welt entsteht ist Dekoration. Sie verbreitet Harmonie und Wohlbefinden als willkommener Farbklecks passend zum Sofa oder Bettvorleger. Die Sexuelle Kunst bietet durch ihre schonungslose Direktheit sofort Anlass für Diskussionsstoff, Reflexion und Auseinandersetzung. 

Es gibt hier folgenden Konflikt: Kinder und Schwiegermütter. Diese beiden Volksgruppen haben meist kein Verständnis für sexuelle Kunst was dazu führt, dass interessierte Käufer beim Gedanken an Besuche zögern.  Es ist in solchen Fällen ein durchaus gangbarer Weg, ein Werk mit zuklappbarer Türe, Vorhang oder sonstiger Verhüllung auszuliefern. Dieser Kompromiss ist möglich, nicht jedoch Grundlegende Veränderungen am Werk selbst im Stil von: „ Könnte man da nicht noch eine Badehose darüber malen?“

 

 

Sexualität als Triebkraft

 

Sex ist eine der grössten Kräfte auf der Welt wenn nicht gar im Universum. Nicht nur, dass jegliches Leben daraus entsteht, es ist auch eine extrem drängende und fordernde Energie. Ohne Sex erlischt jegliches Leben. Desshalb ist es meine Pflicht, diese Kraft in möglichst vielen Aspekten lustvoll zu erforschen und mich durch sie in meinem Schaffen antreiben zu lassen. Auch in der Hoffnung, dass diese Energie und Reflektion an die Betrachter/innen der Werke weitergegeben werden kann.